Das besondere Buch mit Langzeitwirkung …

Ein Blick auf die Churer Bischofs- und

Bistumsgeschichte(n)

von Albert Fischer, Chur Einleitung „Über der Sorge für das Heute und für das Kommende dürfen wir nicht ver- gessen, dass die Wurzeln der Gegenwart und der Zukunft in der Vergangenheit liegen. Fruchtbare (kirchliche) Gegenwartsarbeit ist letztlich nur möglich in fundierter Kenntnis und exakter sachlicher wie kritischer Aufarbeitung der Vergangenheit.“ Dieses Wort des 2011 verstorbenen renommierten Kirchen- historikers und langjährigen Rektors des Campo Santo Teutonico in Rom (1975–2010), Erwin Gatz (1933–2011), darf auch als Richtschnur für die Erstellung einer (neuen) Bistumsgeschichte gelten, wie sie seit 2019 in 2 Bänden für das Bistum Chur vorliegt. Die Geschichte eines Bistums und seiner vielfältigen Entwicklungslinien werden je nach Zeitraum von spezifisch kircheneigenen wie auch äusseren Kräften und Gegebenheiten bestimmt. Sie ist also weit mehr als eine ‚Bischofsgeschichte‘, welche aus den alten Bischofskatalogen hervorgegangen ist und diese mit oft wenig historisch gesicherten Begebenheiten umrankt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat das Bistum als „Teilkirche“ der einen Gesamt- kirche definiert und unterstrichen, dass beide also die Teil- und die Gesamt- kirche als „communio ecclesiarum“ in einem wechselseitigen Austausch stehen. Trotz ihrer fundamentalen Bedeutung für das kirchliche Leben haben die Teil- kirchen in der kirchengeschichtlichen Forschung lange Zeit keine angemessene Aufmerksamkeit gefunden. So konzentrierten sich auch viele Bistumsgeschichten bis in die jüngere Vergangenheit hinein auf die Geschichte ihrer Bischöfe. Dies hängt zum einen mit dem katholischen Verständnis zusammen, wonach der Bischof für den Bestand einer Teil- oder Ortskirche ‚konstitutiv‘ ist. Zum anderen ist es dadurch bedingt, dass die ersten Nachrichten über Teilkirchen einfach in der Nennung eines Bischofs bestehen. Dies gilt für viele, auf die Spätantike zurückgehenden Bistümer im Gebiet des damaligen Imperium Romanum bzw. des späteren Heiligen Römischen Reiches – so auch für Chur. Das Stichdatum der eigentlichen Bistumsgründung in Rätien liegt im Dunkeln. Die Erstnennung eines Churer Bischofs Asinio fällt ins Jahr 451. Danach gibt es in der Abfolge der Hirten bis ins 10. Jahrhundert hinein immer wieder Lücken. Geschichte der Bischöfe von Chur Erst aus dem Mittelalter besitzt das Bischöfliche Archiv Chur in einem 1378 entstandenen Urbar, dem sog. „Liber de feodis“, eine Chronik der Churer Bischöfe (ab dem 6. Jahrhundert) mit erzählenden Ausführungen. Der Geschichte der Churer Bischöfe wenden sich dann erst wieder Historiker des 16. Jahr- hunderts vermehrt zu (so Caspar Brusch [gest. 1557], Aegidius Tschudy [gest. 1572] und Graf Wilhelm Werner von Zimmern [gest.1575]). Letzterer, von Zimmern, 1485 in Messkirch (im Landkreis Sigmaringen) geboren und 1575 auf seiner Burg Herrenzimmern nördlich von Rottweil verstorben, verfasste zwischen 1538 und 1550 auf Deutsch eine Bischofschronik des Erzbistums Mainz (in 5 Bänden). Das Werk enthält hauptsächlich die Lebensgeschichten der Erzbischöfe von Mainz sowie der Bischöfe der 12 Diözesen, die zur Kirchenprovinz Mainz gehörten, darunter auch Chur. Diese Churer Bischofschronik sie reicht von Asinio (451) bis Luzius Iter (gest. 1549) wurde erstmals 2011 in dankenswerter Weise von Anton von Sprecher transkribiert und (im Selbstverlag) publiziert.
… aus dem historischen Bestand der „Barockbibliothek“ bzw. des Bischöflichen Archivs Chur Signatur: BAC, 233.03.03 [1645]

C A T A L O G V S Oder

ordenliche Series der

Bischoffen zu Chur /

souil in nachschlag der Alten geschrifften / monumenten, oder aus bewerten Historien zufinden gewesen. Von dem Hochwürdigen Fürsten vnd Herren / Herrn Johann / Bischoffen zu Chur / Herren zu Gross-Engstingen / etc. zusammen gezogen. Getruckt im Gräflichen Marckt Embs / bey Bartholome Schnell / 1645. [mit Besitzvermerk aus dem Jahr 1645: Conradin Mohr (um 1617-1690), Pfarrer in Obervaz (1642-1659) und Dekan des Priesterkapitels Ob dem Churer Wald] Zum Öffnen des CATALOGVS von Bischof Johann VI. Flugi von Aspermont (1636-1661) aus dem Jahre 1645 auf Abbildung des Buchtitels klicken.
Johann VI. Flugi von Aspermont Pfarrer in Schluderns 1623-1630 Dompropst 1630-1636 Bischof von Chur 1636-1661 Bischofsportrait (Öl auf Leinwand) in Privatbesitz [BAC.BA]
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Das Bistum Chur kam im Zuge der fränkischen Reichsteilung 843 von der Kirchenprovinz Mailand weg, von wo es wahrscheinlich zu Beginn des 5. Jahr- hunderts gegründet worden war, und wurde bis zur Säkularisation (1803) als Sufran der Kirchenprovinz Mainz zugeschlagen. Längst vor dem 9. Jahrhundert umfasste der Churer Sprengel später in 8 Dekanate gegliedert neben dem Gebiet des heutigen Kantons Graubünden (ohne Puschlav) das Urserntal, nördliche Teil des Kantons Glarus, die Linth- ebene, das Sarganserland, das Rheintal bis und mit Rüthi einschliesslich der obertoggenburgischen Gemeinde Wildhaus, das seit 1719 bestehende Fürsten- tum Liechtenstein, das Gebiet des südlichen Vorarlbergs bis und mit Götzis, das Paznauntal, der obere und untere Vinschgau, nördliche Teil des Burggrafenamts mit der Stadt Meran und die rechte Talseite des Passeiertals bis und mit der Gemeinde St. Martin in Passeier. Neben den Bistümern als geistliche Jurisdiktionsbezirke entwickelten sich im Heiligen Römischen Reich durch Schenkungen weltlicher Herrscher sowie durch Ankäufe geistliche Fürstentümer, in denen der jeweilige Bischof die Territorial- herrschaft innehatte bzw. ausbauen konnte. Dieses Territorium, Hochstift genannt, war ausnahmslos kleiner als das betreffende Bistum; es umfasste Teil- gebiete, griff aber auch über die eigentliche Diözesangrenze hinaus. Das Kerngebiet des ab Mitte des 10. Jahrhunderts dank Grosszügigkeit der ottonischen Kaiser gewachsene Hochstift Chur , worin der Churer Ordinarius (seit 1170 bis 1806) die Stellung eines Fürstbischofs wahrnehmend, (grössten- teils nur bis zur Reformation in Bünden) als geistlicher wie weltlicher Herrscher regierte, lag neben dem Bischofssitz auf dem Hof (bis 1803), der Stadt Chur (1464), den Vier Dörfern (Trimmis, Untervaz, Zizers und Igis) und der Herrschaft Flums an der wichtigen Nord-Süd-Achse entlang der Julier-, Septimer- und Splügenstrasse, also im Domleschg, Schams, Rheinwald, Avers, Albulatal, Oberhalbstein, Oberengadin, im Val Müstair sowie im Bergell. Noch im 15. Jahr- hundert sicherten gut 30 Burgen bzw. Verwaltungssitze dieses weltliche Herrschaftsterritorium auf dem Churer Bistumsgebiet. Ausserhalb der Diözesangrenzen zählte seit dem 10. Jahrhundert bis 1694 die Herrschaft Gross- engstingen in Schwaben zum Hochstift Chur. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Diese alten, im 16. Jahrhundert durch die Reformation in Bünden zwar fast voll- ständig verloren gegangenen weltlichen Herrschaftsrechte verteidigend, er- stellte der Churer Bischof Johann VI. Flugi von Aspermont (1636–1661) den „Catalogus oder ordentliche Series der Bischoffen von Chur“ (gedruckt in Hohenems 1645 ). Das Verzeichnis seiner bischöflichen Amtsvorgänger glaubte Flugi irrtümlicherweise, bis auf den hl. Luzius zurückführen zu können; es endet mit Flugis Konsekration zum Bischof am 14. Dezember 1636 durch Nuntius Ranuzio Scotti (1630–1639) in der Kirche der Benediktinerabtei Muri/AG. Dem „Catalogus“ liess Flugi dann im zweiten Teil seiner Schrift ein Verzeichnus Ettlicher Herrschafft / Hoch- vnd Gerechtigkeiten / welche dem Vralten Bistumb Chur / Kauffs / Tausch- oder verehrsweis einverleibt …“ folgen. Dieses Verzeichnis beginnt mit der Urkunde Karls des Grossen aus dem Jahre 772/74 (Original in: BAC, 011.0001) und führt bis 1635. Damit proklamierte Flugi sich nicht nur als legitimer geistlicher Reichsfürst, sondern versuchte, durch die wieder regelmässig abgesandte Vertretung seiner Person auf den Reichstagen auf dem Parkett der Reichspolitik Einfluss zu gewinnen und den Inhalt regional abgeschlossener Verträge in den Text des Westfälischen Friedens von Münster (1648) einzubringen. Auch wenn letzteres scheitern sollte, stellt der „Catalogus“ Johanns VI. mit seinen Urkundenauszügen die erste grössere, auch im handschriftlichen Original (vgl. BAC, 233.03.02) noch erhaltene ‚hauseigene‘ Churer Bischofsgeschichte dar, welche von ihren Anfängen bis ins 17. Jahrhundert reicht und eigentlich durch ihre oben ge- nannte Zweckbestimmung mehr sein wollte als eine reich umrankte sowie „nur“ auf die geistlichen Oberhirten spezifizierte Geschichte der Churer Bischöfe. Erste Churer Bistumsgeschichte 1797 Erst unter Bischof Johann Franz Dionys von Rost (1777–1793) wurde die erste Gesamtdarstellung der Geschichte des Bistums Chur noch in Latein verfasst: Der Fürstabt des Benediktinerklosters St. Blasien, Martin Gerbert (1764–1793), ein bedeutender Musikhistoriker seiner Zeit, hegte um 1780 den ehrgeizigen Plan, nach dem Vorbild der „Gallia christiana“ ( 13 Bände, hrsg. in Paris zwischen 1715 und 1785) eine „Germania Sacra“, ein Geschichtswerk über alle Diözesen und Klöster des Heiligen Römischen Reiches herauszugeben. Pater Ambrosius Eichhorn OSB (1758–1820), 1758 in Wittlighofen (Bezirk Bondorf, Baden-Württemberg) geboren, 1779 in St. Blasien die Gelübde abgelegt und 1783 zum Priester geweiht, sollte hierfür das Churer Bistum beschreiben. Unordnung im Bischöflichen Archiv in Chur und fehlende Dokumente erschwerten die Arbeit Eichhorns, welcher im Sommer 1787 in Chur auf dem Hof zu Studien weilte. Bischof von Rost begegnete mit Interesse und Hilfsbereitschaft dem ambitionierten Projekt, das jedoch erst 1797 durch die Klosterdruckerei in St. Blasien unter dem Titel „Episcopatus Curiensis in Raetia sub Metropoli Moguntina chronologice ac diplomatice illustratus“ seine Voll- endung fand. Nach einer 30-seitigen historischen Einleitung, worin auch die Zirkumskription des Bistums Chur mit Nennung aller Pfarreien (198 [+ 61 Filialen]) beschrieben wird (S. XXVI–XXX), folgt auf 368 Seiten die eigentliche Bistumsgeschichte anhand der historisch festzumachenden Bischöfe Asinio (451) bis Johann Franz Dionys von Rost (gest. 1793) sowie Ausführungen zu den Ordenshäusern auf dem Churer Territorium. Im 192-seitigen Anhang platzierte Pater Eichhorn diverse Quellen aus dem 7. bis ins 18. Jahrhundert. Das ambitiöse Grossprojekt „Germania Sacra“ bleib infolge der Aufhebung der Abtei St. Blasien 1806 ein Fragment; neben Chur gelangen lediglich die Beschrei- bungen der Bistuümer Bamberg, Konstanz und Würzburg. Geschichte des Bistums Chur 1907/1914 Nach Eichhorns in lateinischer Sprache verfasstem Werk (1797) sollten noch- mals 110 Jahre vergehen, bis 1907 bei Hans von Matt in Stans der erste Band einer deutschsprachigen „Geschichte des Bistums Chur“ (bis Ende des 15. Jahr- hunderts) mit 567 Seiten aus der Feder des Kirchenjuristen, Professors und Regens am Priesterseminar St. Luzi in Chur, Johann Georg Mayer (1845–1912) in Druck ging. Der zweite Band mit 780 Seiten folgte erst nach dem Tod Mayers im Jahre 1914 und beleuchtet die Churer Bischöfe sowie die kirchliche Situation des Bistums bis zur Wahl Georgius Schmids von Grüneck 1908. Wie Mayer in seinem Vorwort zum ersten Band schreibt, hatte er von Bischof Franz Konstantin Rampa (1879–1888) bereits 1880 den Auftrag zu einer geschichtlichen Darstellung des Bistums Chur erhalten. Das Werk Mayers, bis ins 21. Jahrhundert ein Standardwerk geblieben, reiht sich, so Mayer selbst, „chronologisch an die Reihenfolge der Bischöfe“ an. Jedem Hauptabschnitt geht jedoch „eine kurze Orientierung, besonders über die politischen Verhältnisse voraus“, und am Ende eines Grosskapitels folgt „eine Darstellung der allgemeinen Zustände in der Diözese“. Der konzeptionell und methodische Perspektivenwechsel zeigt sich bei Mayers umfangreichen Werk bereits in der Zielsetzung, nämlich nicht primär eine Geschichte der Bischöfe, sondern des Bistums zu schreiben und vorzulegen. Mayer leistete mit seiner Arbeit einen wichtigen Ansatz zu einer Diözesan- geschichte mit Themen, die nicht nur die für Chur prägenden kirchenpolitischen Auseinandersetzungen behandeln, sondern die auch das religiöse Leben beschreiben und den monastischen Ausformungen im Bistum Raum geben. Geschichte des Bistums Chur 2017/2019 Im Verlag UVK (Konstanz und München) publizierte der Churer Diözesanarchivar Albert Fischer 2017/2019 die letzte und bis ins 21. Jahrhundert reichende Churer Bistumsgeschichte in 2 Bänden unter dem einfachen Haupttitel: Das Bistum Chur . Der 1. Band mit 446 Seiten in 12 Hauptkapiteln behandelt die Zeit von den Anfängen bis 1816. Der 2. Band mit 650 Seiten in 16 thematischen Hauptkapiteln beleuchtet die Zeit nach 1816/19 bis ins Episkopat von Vitus Huonder (2007–2019). Insgesamt wird sichtbar, dass die Geschichte eines Bistums nie nur diejenige seiner Bischöfe ist, sondern genauso seiner Verwaltung, seiner mehr oder minder erfolgreichen Kirchenpolitik in Bistum, Hochstift und Reich, seiner Seelsorgeorganisation und des Klerus, seines religiös-liturgischen und monastischen Lebens und seiner Gläubigen, und dass diese Elemente anhand vorliegender Primär- und Sekundärquellen zurecht klar, historisch kritisch, aber eben auch „mit Anteilnahme“ (Erwin Gatz) herausgearbeitet werden müssen und dürfen. Dadurch lernen wir alle aus den Jahren der Geschichte, denken an die Tage der Vergangenheit eines bald einmal 1600 Jahre alten Bistums und wissen, dass auch wir darin als Bischöfe, Geistliche, Ordensleute, Seelsorger und Gläubige eben als „communio ecclesiarum“ täglich Geschichte schreiben. Flyer zur Publikation: Das Bistum Chur Schluss Kenntnis der Geschichte kann verhindern, das Gestrige und das Heutige absolut zu setzen. Sie regt Vielmahr an, vermeintlich Unvorstellbares, aber christlich Aufgetragenes, immer neu zu versuchen. Kenntnis der Geschichte kann somit auch zeigen, wie wichtig Zukunftsorientierung für die Kirche ist. Die Kirche in ihrer Vergangenheit und ihrem gleichzeitigen Durchhalten ihrer Sendung zu sehen und zu verstehen, hilft Fixierungen zu überwinden, ohne sich selbst aufgeben zu müssen, und macht frei, mit Blick auf die Aufbrüche der Vergangenheit in verantwortlicher Freiheit neue Ansätz entwicklen zu können. Was für die Geschichte im Allgemeinen gilt, gilt auch für die Diözesangeschichte: Sie eröffnet einen „genuinen und wertvollen, ja unverzichtbaren Weg zur historischen Erkenntnis und zum Verstehen kirchlicher Vergangenheit und Gegenwart“ (Rudolf Reinhardt).